DIE MANNS TITELMOTIV

 

DIE FILMMUSIK ZU "DIE MANNS"

"Die Manns", eine Collage aus Spielfilm-, Interview- und Dokumentarfilmszenen mit einer Vielzahl von Figuren, Erzählsträngen, Schauplätzen, Zeitepochen und Zeitsprüngen, stellt an die Filmmusik enorme und oft unerfüllbar gegensätzliche Erwartungen und Ansprüche: Die Musik muß "ins Bild" und in die Erzählzeit passen, darf sich nicht vordergründig laut machen, darf die ohnehin schon sehr dichte Tonspur aus Dialogen und Statements nicht überdecken und muß dabei trotzdem spürbar bleiben, muß beim Zuschauer ankommen und ihre Wirkung tun. Es kommt also hier darauf an, den "richtigen Ton“ zu treffen. Idealerweise soll die Musik so klingen, als wäre sie schon von Anfang an im Film, in der Szene gewesen und nicht erst später dazugespielt worden.

Um dies zu erreichen, mußte der eigentlichen Kompositionsarbeit eine ausgiebige Recherche vorausgehen. Meine frühzeitige Einbindung in das Projekt bereits im Stadium der ersten Drehbuchentwürfe hat dies sehr begünstigt, ebenso der glückliche Umstand, dass Heinrich Breloer und Horst Königstein selbst außerordentliche Musikkenner und -liebhaber sind und beide in ihren Arbeiten der Filmmusik große Bedeutung beimessen.

Musik hat auch im Leben der Familie Mann immer eine wichtige Rolle gespielt. Allein die Liste der musikalischen Werke, zu denen sich Thomas Mann schriftlich detailliert geäußert hat, ist viele Seiten lang. Dieser Umstand hat mir als Filmkomponist sehr dabei geholfen, einen "Eingang" in diese Arbeit, in diesen Film zu finden.

Einen ersten, geradezu zwingenden Anknüpfungspunkt bot jedoch meine persönliche Begegnung mit Elisabeth Mann, die im Film als Erzählerin durch die Geschichte führt. Selbst leidenschaftliche Musikerin, konnte sie mir genauestens Auskunft geben über die meistgehörten Schallplatten, die meistgespielten Kammermusikwerke in ihrem Elterhaus.

Wie im zweiten Filmteil zu sehen ist, hat Elisabeth ihr Lieblingsstück, das Horntrio op. 40 von Johannes Brahms in ihrer Jugend zusammen mit ihrem Bruder Michael Mann (Violine) und dem Verleger Fritz Landshoff (Cello) bei Hauskonzerten am Klavier gespielt. Aus einem Motiv des Adagio Mesto im 3. Satz habe ich eine kleine "musikalische Silbe" entnommen und neu auskomponiert - daraus entstand das Hauptmotiv der Erinnerung für Elisabeth, das später auch zur Titelmusik für den Film geworden ist.

Aus der Zusammenstellung der Lieblingsmusiken von Thomas Mann schloss ich, daß er von Musik in erster Linie emotional überwältigt zu werden wünschte. Seine Liebe galt Stücken mit extrem dynamischen Entwicklungen und Steigerungen, wie sie zum Beispiel die Lohengrin-Ouvertüre aufweist. Eine kleine Streicherfloskel daraus nahm ich als Keimzelle für die Komposition vonThomas Manns Motiv der Versuchung, der Verlockung einerseits und der Selbstbeherrschung und Konzentration andererseits. Die brasilianische Abstammung von Thomas Manns Mutter Julia legte hier das Einflechten südamerikanischer Rhythmen und Klänge nahe, die ich auch an anderer Stelle, zur Untermalung der Drogenexzesse von Klaus und Erika einsetzen konnte.

Der Jazz, Vorliebe von Klaus und Erika, bildet einen weiteren musikalischen Gegenpol zu den im Übrigen "klassisch" anmutenden Elementen der Filmmusik. Er begleitet die Familie in die Emigration nach Amerika, und so finden sich im dritten Filmteil einige der frühen Motive in "verjazzter" Form wieder.

Insgesamt umfasst die Filmmusik zu den Manns über 200 einzelne Musiktakes in einer Gesamtlänge von fast vier CDs, die im Lauf von etwa zwei Jahren entstanden sind. Auf der vorliegenden Original-Soundtrack-CD findet sich meine Auswahl der 36 schönsten Takes, ein Querschnitt durch alle Themen der Filmmusik.

Hans P. Ströer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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